Deus ex Phallus

„Mir geht es gut, danke, mir fehlt nur ein Gliedmaß.“
Entsetzen in den Augen, das einem die-ist-nicht-ganz-dicht-Blick weicht.
„Penisneid, Sie verstehen?“, sage ich mit Freudschem Zwinkern.
Niemand antwortet, man taxiert seine Schuhspitzen.
„Verstehen Sie nicht den Zusammenhang zwischen Texten literarischer Bedeutsamkeit und Penisbesitz? Bukowski. Also Bukowski hat es doch vorgemacht; man benutzt Fluckwörter, säuft sich das Hirn aus dem Leib, vollbringt das anatomische Wunder eines volltrunkenen, hirnlosen Flicks und kratzt sich, sobald Nüchternheit eintritt, die Eier. Und das alles mit Erfolg.“
Zuhörer wenden sich entsetzt ab.
„Sie verstehen mich nicht!“, werfe ich ihren Rücken vor, „es ist für die schriftstellerische Entfaltung wichtig, dass ich mir postmodern zwischen die Beine fassen kann – um mich zum Beispiel als schwul zu outen. Wissen Sie, selbst die Schwulen sind poetischer als ihr weibliches Pendant. Die haben was mitzuteilen, sind dada anders. Aber lesbische Frauen? Taugen doch nur als Aphrodisiakum und müssen dazu nicht mal lesbisch sein. Animaische1 Schwule hingegen, sind Dichter bis in die Fingerspitzen, ihnen hängt ein Hauch von Etepetetösen an und allein ihr Gang ist von einer schwülen Tippsigkeit, der mir als genormten Frau einfach fehlt.“
Ein Penner wankt näher und hält aufdringlich die Hand auf.
Ich gebe ihm einen Euro.
„Wenn ich schwul wäre, könnte ich mich zur Frau umoperieren lassen“, sage ich dankbar zu ihm, „dann hätte ich etwas global Wichtiges zu sagen und könnte mir immer noch, quasi legal, zwischen die Beine fassen, um über das traumatische Erlebnis fehlender Gliedmaßen zu schreiben.“
„Wat?“, nuschelt der Penner und starrt mir auf den Unterleib.
„Wenn ich ein Mann gewesen wäre, könnte ich alles sein, egal ob mit oder ohne Penis. Sogar eine Frau!“
Der Betrunkene fuselt mir zu: „Wat wollnse? Nen Schwanz? Kann ich besorjen.“
„Ach?“
„Na ja, ich brauch den ja nich mehr“, sagt er langsam und kratzt sich gedankenverloren.
„Okay, ich könnte ihn konservieren und bei Bedarf rausholen“, überlege ich laut und stelle mir in Gedanken einen in Alkohol eingelegten Penis vor. Meine Gedanken rasen. Ich quelle über vor poetischem Geist, als ob ich den Penis schon in Händen halten würde. Ja, so fühlt sich die Welt an und mitfühlend gehöre ich dazu. Meiner. Mein eigener Phallus, den ich nie wieder hergeben würde. Der mich mal überleben wird.
Der ewig lebt.
Ja, ich habe durch die Mannbarkeit die wörtliche Haltbarkeit entdeckt. Konserviertes Gemächt der dritten, ach was, der vierten Dimension.
Anschaubar.
Im Glas um die Welt reisend.
Später dann im Glas das Weltall erobernd.
Er wäre mein Auge und mein Ohr, mein Flick und mein Fluck, mein Ulysses.
Und jetzt fällt mir auch die globale Bedeutsamkeit ein, worüber ich natürlich einen Bestseller schreiben werde, weil nur ich, nach meiner und seiner langen Odyssee, diese Frage beantworten kann:
Was ziehe ich ihm bloß an?

© Alessandra Mancinelli 13.07.2004

Fußnote:
1

animaisch habe ich abgeleitet von: Anima (lat. anima = Seele). Siehe hierzu Wikipedia „Animus und Anima“.
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