Marias Kreise

Maria, was gibt es denn zu essen, fragt er beiläufig und knibbelt an seinen Fußnägeln. Er knibbelt immer vor dem Essen an seinen Füßen und dann dreht er die Krümmel rund, bevor er sie fliegen lässt.
Ich habe Albträume von diesen Ausrutschern, sagt Maria zu ihrem Mann.
Er brüllt: ich kann dich nicht verstehen, weil ich dich nicht hören kann, und kratzt sich an seiner haarigen Brust.
Vor dem Fernseher brüllt er auch, denkt Maria, aber nach jedem Tor. Er liegt ständig auf der Couch und sucht die Batterien für sein Hörgerät.
Es gibt gleich Wiener Schnitzel, sagt sie und geht in die Küche.
Nach dem Essen geht sie mit einem Buch ins Bett und schläft darüber ein.

Maria steht zeitig auf und duscht ausgiebig. Nachdem sie sich angezogen hat, ruft sie in das Wohnzimmer: ich gehe jetzt zur Arbeit, und schließt die Tür hinter sich zu.

Maria begrüßt Lehmann. Sie hält ihm die Tür weit auf und er geht mit seinen Gehstützen grußlos an ihr vorbei. Maria sieht ihm nach, bevor sie mit Eimer und Besen in das Büro huscht und Ordnung in ihre Gedanken bringt.
Kurz kommt herein und stellt sich neben Maria.
Ich habe, sagt Maria mit leichtem Akzent, ich habe noch viele Verwandte dort und besuche sie jedes Jahr, immer im Dezember.
Dort war ich noch nie, sagt Kurz und knöpft ihre Bluse auf.
Während Maria auf die Uhr schaut, wirft Kurz einen wilden Blick auf ihre Brüste. Maria ist zufrieden und legt sich auf den Tisch. Kurz schiebt ihren Rock hoch.
Wenig später poliert sie den Schreibtisch. Seine glatte Oberfläche verführt zu Ausrutschern, deren Spuren sie immer sorgfältig verwischt. Sie wischt in gleichmäßigen Kreisen und registriert lächelnd das Rascheln in ihrer Rocktasche. Kurz hat auch gelächelt, als er vorhin das Büro verlassen hat.
Als der Hotelmanager sein Heiligtum betritt, leert sie gerade seinen glänzenden Papierkorb. Jablonski tut so als beachte er sie nicht und untersucht seinen Schreibtisch, dabei verschiebt er ein Foto im silbrigen Rahmen. Er verschmiert die Abdrücke mit fettigen Fingern und befiehlt ihr herzukommen. Als sie neben ihm steht, lässt er seufzend seinen Kopf hängen und fasst an ihren Rockzipfel. Maria deutet mit einem Kopfschütteln auf das Foto, das ihn mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen zeigt, sie sind alle blauäugig. Dann zeigt sie ihm die kalte Schulter und auf das Telefon.

Nach der Frühstückspause, in der Maria ihre belegten Brote auf Jablonskis Schoß gegessen hat, greift Jablonski nach dem Telefonhörer und brüllt Meier hinein. Jablonski legt auf, Maria steht auf. Während er wartet, zeichnet er mit seinem Finger kleine Kreise auf die Schreibtischplatte.
Sie hat schon viele Telefonhörer kommen und gehen sehen, denkt Maria, während sie den Papierkorb poliert und beobachtet im Chrom die Tür. Meier mit dem Leberfleck auf der Wange kommt herein. Jablonskis Stimme wird leise, eindringlich. Maria poliert weiter, Meier bleibt auch stumm. Vielleicht koche ich heute Abend mal wieder Leberkäs, denkt sie und geht zur Fensterfront. Dort sammelt sie vertrocknete Blätter von der Fensterbank und steckt sie in ihren Rock. Maria läßt die Blätter rascheln. Jablonski drückt Meier Papiere in die Hand. Sie stellt die Blumentöpfe auf den Teppich, um die Fensterbank abzuwischen. Jablonski hört Meier nicht stottern. Sie sieht Meier im Fenster gehen und öffnet es. Jablonski reibt sich grinsend die Faust in der Hand, sie hört es am Geräusch und bückt sich nach den Töpfen. Sie entscheidet sich für Frikadellen.

Am nächsten Morgen schleicht sich Schulze mit dem Schnurrbart ins Büro und drängt sich von hinten an Maria. Sie schaut auf die Uhr und sagt, sie habe die Fahrkarte, sie würde nächste Woche dorthin fahren. Was soll ich nur ohne dich machen, fragt Schulze und langt mit seiner Hand zwischen ihre Beine. Etwas später streicht Maria ihre Kleidung glatt und Schulze geht erleichtert raus. Maria poliert mit raschelndem Rock den Schreibtisch.
Als Jablonski hereinkommt, leert sie lächelnd seinen glänzenden Papierkorb. Er untersucht seinen Tisch, stößt dabei das Foto um und einen tiefen Seufzer aus. Verärgert wirft er das Bild in den Korb und greift dann nach dem Telefon. Er brüllt Kurz in den Hörer.
Maria stellt den Papierkorb auf den Boden, bleibt auf dem Teppich und sieht abwartend zur Tür. Kurz kommt mit einem langen Gesicht herein. Während Jablonski leise mit ihm redet, verdrückt sich Maria in eine Ecke, nahe der Fensterfront. Vielleicht koche ich heute abend mal Hühnersuppe, überlegt Maria, als sie aus dem Fenster sieht.
Jablonski wühlt in Papieren herum.
Maria hört das Rascheln und greift in ihren Rock.
Kurz fängt an zu brüllen und der Chef verstummt.
Sie stellt die Blumentöpfe auf den Teppich, danach öffnet sie ein Fenster.
Plötzlich geht die Tür auf und Lehmann müht sich mit seinen Krücken herein.
Jablonski fängt an zu stottern.
Maria dreht sich erschrocken herum.
Kurz steht auf und nimmt einen Blumentopf.
Lehmann stellt sich vor Jablonski und redet leise auf ihn ein.
Maria hebt auch einen Blumentopf auf und entscheidet sich für Schwein.
Jablonski brüllt: ich kann dich nicht hören.
Maria zittert.
Kurz holt aus und wirft den Topf auf den Schreibtisch.
Tonscherben fliegen, Blumenerde verteilt sich.
Lehmann macht einen gewaltigen Satz, geht auf Maria zu und holt mit seiner Krücke aus.
Ein Ton fliegt durch die Luft und Maria sieht Kreise.

© Alessandra Mancinelli 10.01.2002

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