Salz

Vier. Ich ersticke an der Vier. Mir ist kalt, schrecklich kalt.
Ich liege in einem Lichtkegel auf einem Seziertisch, etwas Ähnliches muss es jedenfalls sein, es ist ein harter Untergrund.
Schon vor Tagen habe ich es aufgegeben mich aus meiner Lage zu befreien oder meine Umgebung genauer zu erkennen. Ich kann mich nicht bewegen, meinen Rücken spüre ich schon lange nicht mehr. Vielleicht hat er sich daran gewöhnt, wie ein steifes Brett zu sein.
Ich wünschte, ich könnte meine Gedanken genauso wie meinen Körper abschalten. Einfach nicht mehr sein.
Wieder diese Musik. „How can you just walk away from me, when all I can do is watch you leave“.
Ich muss dagegen ankämpfen. „Zähle“, sagt ein Echo in mir. Zähle, zähle! Zähle die Gedanken weg.
Ich weiß genau wie lange ich hier bin. Ob es wichtig ist die Tage zu zählen? Ich weiß es nicht, aber mein Verstand zählt alles mit. Der Sound läuft einhundertachtundsechzig Sekunden. Es vergehen vierzig Sekunden bis ER vor der Tür steht, dort atmet ER zwanzig Mal und das sehr schnell. Dann geht die Tür auf.
Und ich habe mir die Mahlzeiten gemerkt. Pro Tag eine:
Hühnersuppe mit elf Buchstaben, Milchreis mit neun Buchstaben, Tomatensuppe mit zwölf Buchstaben, nochmal Hühnersuppe, Kartoffelpürree hat fünfzehn Buchstaben mit Gulasch sieben Buchstaben und wieder Tomatensuppe.
Verdammt, wieso sind meine Gedanken so klar, warum betäubt ER mich nicht, wieso bringt ER mich nicht um? Einhundertachtundsechzig, das Lied ist zu Ende, ich höre ihn kommen. Was wird heute passieren?

Vierzig.
Er stoppt vor der Tür und lauscht.
Ich höre seinen gleichmäßigen Atem, und rieche Erbsensuppe, das sind elf Buchstaben.
Meine siebte Mahlzeit. Der siebte Tag. Ich zähle seinen Atem vor der Tür. Eins, zwei, drei, vier, … mir ist kalt. Mein Herz will meinen Zählrhythmus durcheinander bringen.
Ganz ruhig. Zehn, elf, zwölf, … wenn ich nur einmal mit ihm reden könnte. Wenn er mir nur einmal den Knebel aus dem Mund nehmen könnte.
Fünfzehn, sechzehn, siebzehn, … aber ich habe die Sprache verloren, mein Körper sperrt die Worte ein, neunzehn, zwanzig.
Die Tür geht auf. Mein Mund will es auch.
Meine Zunge ist ein Fremdkörper geworden, ein Ding mit Geschmacksknospen, die sich zu Monsterblumen entwickelt haben. Mit diesem Ding im Mund kann ich nicht schreien.
Sein Rollstuhl fährt mit vier gleichmäßigen Räderumdrehungen auf mich zu. Das höre ich an dem Wischgeräusch, wenn sich seine Handflächen von den Rädern abstoßen.
Ich kann meinen Kopf nicht zu ihm hindrehen, aber ich höre wie er das Tablett neben mir abstellt.
Ich rieche seine Haut.
Sie riecht nach Pfefferminze und nach dem Metall seines Rollstuhls.
Er befreit mich von dem Knebel, seine Finger streicheln sanft über meine Wange.
Er beugt sich zu mir hinunter.
So nah ist er meinem Gesicht noch nie gekommen, oder doch?
Was flüstert er mir ins Ohr?
„Schau mich an, da ist nichts mehr.“
Ich höre die Worte, sie vibrieren durch die Luft, doch bevor ihre Bedeutung meinen Verstand erreicht, lösen sie sich in Buchstaben auf: fünf (schau) vier (mich) zwei (an) zwei (da) drei (ist) sechs (nichts) vier (mehr). Sie klingen in meinem Gehirn nach, ich ordne die sechsundzwanzig Buchstaben zu all den anderen Zahlen.
Ich suche seinen Blick und halte ihn gefangen; er hat braune Augen, sie sehen nicht brutal aus und sein Oberlid hat circa vierzig Wimpern. Länger kann ich nicht hinschauen.
Er flüstert wieder, „Da wäre noch so viel, was ich Dir zu sagen habe.“
Warum spricht er nicht lauter?
Sein Blick. Wieso sieht er mich so an?
Er kommt noch näher.
Er drückt seine warmen, trockenen Lippen auf meinen Mund. Sie schmecken nach scharfem Pfefferminzbonbon, es ätzt auf meiner Zunge. Ich schließe meine Augen und nehme das Bild seines Unterlides mit, ich muß wissen wie viele Wimpern es hat.
Irgendwas macht er nun mit meinen Händen und Füßen.
Mir wird schwindelig, er hat mich aufgesetzt.
„Ich wünschte, ich könnte Dich dazu bewegen, Dich umzudrehen!“
Was sagt er da?

Zähle! Zähle, schreie ich in mich hinein. Eins-zwei-drei-vier-fünf-sechs-sieben.
Er massiert meinen Körper. Ich traue mich nicht meine Augen zu öffnen.
Die Erbsensuppe! Sie mit elf Buchstaben wird kalt.
Ich öffne langsam meine Augen und sehe meine Beine. Ich will die Poren zählen, die ich wie durch eine Lupe sehe. Seine Hand gerät in mein Blickfeld. Er hat dunkle Haare auf dem Handrücken.
Er massiert meine Beine, sie fangen an zu kribbeln. Ameisen laufen durch meinen Körper, sie sind rasend schnell – zu schnell um sie zu zählen.
Ich müsste mal zur Toilette, unterdrücke aber das Gefühl. Ein toter Körper hat gefälligst keine Körperflüssigkeiten zu haben.
„Maria…“ Seine Stimme. Was will er mir sagen?
„Maria, komm, du musst was essen.“
Maria? Ist das mein Name? Das sind fünf Buchstaben.
Ich spüre kaltes Metall an meinen Lippen, er will mich füttern. Meine Zungenspitze fährt über den Löffelrand und probiert den Inhalt.
Salzig.

Wieder zuviel Salz.
Salz mit vier Buchstaben, vier Buchstaben hat Salz. Meine Gedanken singen. Vier. Es sind vier.
„Schau mich jetzt richtig an, weil ich immer noch hier stehen werde.“
Kann er nicht still sein?
Ich singe in Gedanken weiter. Eins, zwei, drei, vier, ich schlucke hier, schlucke hier, vier. Vier Buchstaben für Maria und fünf für Maria und Salz hat vier.
Ich höre: „Wir haben doch alles miteinander geteilt. Das Lachen, den Schmerz, die Tränen.“
Meine Gedanken singen. Salz hat vier und ich bleib hier.
Er sagt: „Hier ist nichts mehr, was mich an Dich erinnert; nur die Erinnerung an Dein Gesicht.“
Er streichelt wieder meine Wangen.
Warum lässt er mich nicht in Ruhe zählen?
Meine Gedanken singen weiter: Vier vergiftet mich, die Vier in den Tränen vergiftet meine Zunge. Ich ersticke an der Vier.
„Ich liebe dich, das weißt du doch. Warum nur, hast du mich nach meinem Unfall verlassen?“
Eins-zwei-drei-vier. Vier, vier….
„Schau mich jetzt an! Warum sagst du nichts? Sprich endlich mit mir!“

© Alessandra Mancinelli 02.01.2002

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