Der Hammerfall

„Angeklagter! Sie haben bisher geschwiegen“, sagt der Richter mit einem strengen Blick auf Herrn Wöhrtlich, „möchten Sie denn nichts zu Ihrer Verteidigung vortragen?“
„Oh, ich möchte schon“, sagt der angesprochene Mann, „aber ich habe mal ein Gedicht in der Schule vortragen müssen und brachte kein Wort heraus.“
„Das ist mir auch mal passiert“, flüstert Frau Ahorn in der ersten Reihe ihrer Nachbarin zu.
„Ach“, sagt diese eine Spur zu laut, „das passiert mir ständig.“
„Ich bitte um Ruhe!“, ruft der Richter.
„Aber Herr Richter“, sagt Wöhrtlich irritiert, „ich brachte ja tatsächlich kein einziges Wort heraus!“
„Wie haben Sie es dann vortragen können? Ach Unsinn, davon ist hier gar nicht die Rede. Fahren Sie fort, Angeklagter!“, sagt der Richter.
Wöhrtlich ist überrascht: „Ich darf fort fahren?“ Er steht auf und zieht seine Jacke an.
„Was machen Sie da?“, ruft der Richter und zeigt mit seinem Hammer auf Wöhrtlichs Stuhl, „setzen Sie sich wieder hin! Wir sind noch in der Verhandlung!“
„Ja, gut, das ist mir auch recht, verhandeln wir Herr Richter“, sagt der Angeklagte erleichtert, „ich muss nämlich zugeben, sozusagen beichten, dass ich nur ungern mit dem Bus fahre“, nun wird seine Stimme leiser, „weil – nun ja, ich muss mich sonst übergeben.“
„Mir wird’s immer hinten im Taxi so schlecht“, sagt Frau Müller aus der zweiten Reihe, „wenn es so ruckelt und der Fahrer Knoblauch gegessen hat.“
Herr Zenker, der hinter Frau Müller sitzt, mischt sich ein: „Mir wird’s immer ganz schlecht, wenn ich in meine Lohntüte gucke.“
„Ruhe! Ich bitte um Ruhe, meine Damen und Herren!“, ruft der Richter und hebt seinen Hammer bedrohlich hoch.
Wöhrtlich duckt sich bis unter den Tisch und fasst in seine Jackentasche, dort knistert er mit einem Schokoladenriegel.

„Ich kannte mal einen Hammerwerfer“, flüstert die junge hübsche Frau – die auch in der ersten Reihe sitzt – ihrem neuen Freund zu.
„Hat er so gut geküsst wie ich?“, fragt dieser eifersüchtig und legt seinen Arm um ihre Hüfte.
„Was machen Sie da?“, fragt der Richter den Angeklagten.
„Ich habe nur den Arm … „, stottert der Freund der jungen Frau.
„Sie knistern doch. Sie dürfen hier nicht knistern, legen Sie das sofort auf den Tisch!“
Der Freund der jungen Frau steht verlegen auf. Mit hochrotem Gesicht zieht er eine Packung Kondome aus seiner Jeans und legt sie auf den Richtertisch.
Der Richter sieht rot. „Nicht Sie! Hinsetzen, sonst lasse ich den Saal räumen!“
„Ich habe nichts was knistert, Euer Ehren“, verteidigt sich die junge Frau.
Frau Ahorn aus der ersten Reihe meldet sich: „Ich habe nur mit meinem Fuß gewippt. Man wird doch wohl noch wippen dürfen.“ Ihre Nachbarin nickt zustimmend.
Der Richter lässt den Hammer sausen, die Kondome fliegen vom Tisch und landen neben Wöhrtlich auf dem Boden. Wöhrtlich, der so etwas noch nie gesehen hat, nimmt die Packung und reißt sie auf. Er nimmt ein gummiertes Ding und fragt sich, was man damit macht.
Herr Zenker aus der dritten Reihe mischt sich ein: „Das kann uns niemand verbieten!“
Der Richter hämmert immer noch. Herr Wöhrtlich nickt im Hammertakt und hat eine Idee: Er hebt seinen Kopf an, bis dieser den Tisch trägt. Er probiert nun seine Balance aus, indem er seinen Rücken etwas streckt. Der Tisch „schwebt“ nun einen Zentimeter über dem Boden. „Hurra, Hurra!“, ruft Wöhrtlich erfreut.
Einige Zuschauer applaudieren.
„Herr Wöhrtlich kommen Sie da hervor, was machen Sie da?“, ruft der Richter.
„Ich kann nicht hervor kommen, der Tisch würde umkippen“, klingt es dumpf unter dem Tisch hervor.
„Sie weigern sich? Dann lasse ich Sie gleich wegen Missachtung des Gerichts abführen!“
Wöhrtlich, der öfter mal an Verstopfung leidet, hat unangenehme Erfahrungen mit Abführmitteln machen müssen. Laut sagt er: „Am besten helfen da Bananen.“
Er sei dagegen allergisch, behauptet Herr Zenker.
Die Zuhörer geben ein paar Ahas und Ohos von sich, nur Frau Ahorn nicht, die immer noch mit ihrem wippendem Fuß beschäftigt ist.

Wöhrtlich guckt stolz und bemerkt, dass er noch das Gummiding in der Hand hält. Vorsichtig bläst er es auf und macht einen Knoten hinein. Der Tisch wackelt, hält sich aber immer noch auf seinem Kopf. Wöhrtlich lässt das aufgeblasene Ding los. Der Richter schreit Zeter und Mordio und lässt den Hammer fallen. Wöhrtlich macht sich vor Schreck lang, der Tisch kippt zur Seite und landet krachend auf dem Boden. Ein Bein bricht ab und fliegt bis in die erste Reihe. Frau Ahorn sinkt getroffen zusammen, ihr gerade noch gewippter Schuh fliegt im hohen Bogen zu der jungen Frau.
Die Sitznachbarin sieht das Blut auf Frau Ahorns Stirn und sinkt ohnmächtig daneben.
Herr Zenker mischt sich ein: „Wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie mir Bescheid. Ich kann alles bezeugen!“
Frau Müller, die vor ihm sitzt, dreht sich herum und sagt: „SIE! Pusten Sie mir nicht so ins Genick. Sie haben Knoblauch gegessen.“
„NEIN, NEIN, NEIN!“, schreit der Richter.
„Und ob der Knoblauch gegessen hat“, meint Frau Müller pikiert, „wissen Sie, seitdem meine Polypen raus sind, rieche ich wie neu.“
„Ruhe!“, japst der Richter, als ob er keine Luft mehr bekäme, „Ruhe, einfach nur Ruheeeee!“
„Ich habe einen Schuh auf meinem Schoß“, sagt die junge Frau.
Ein Herr aus der vierten Reihe meldet sich und sagt, er sähe ein fliegendes Kondom.
„Raus! Alle raus hier! Rausrausrausraus!“, schreit der Richter und bückt sich nach seinem Hammer.
Wöhrtlich lässt sich das nicht zweimal sagen.

© Alessandra Mancinelli 08.02.2002

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