Mahlzeit

„Herr Ober, sehen Sie mal!“, ruft Herr Wöhrtlich, mit dem Gesicht über einen Teller Frühlingssuppe gebeugt.
„Mein Herr, ist etwas nicht in Ordnung?“ Der Ober hebt eine Augenbraue hoch.
Wöhrtlich inspiziert die Suppe, schiebt mit dem Löffel das Gemüse auseinander. „Er ist mir gerade hier reingefallen.“
„Wie meinen?“
Wöhrtlich rührt und schiebt weiter. „Gleich hab‘ ich ihn.“
Der Ober verdreht die Augen. „Worum geht es denn, mein Herr? Ist die Suppe kalt?“
„Nein nein, gerade war sie sogar noch sehr heiß.“
„Ja aber was haben Sie denn?“
Wöhrtlich schaut den Ober an. „Das sehen Sie doch: Frühlingssuppe.“
„Und was ist mit Ihrer Suppe nicht in Ordnung?“, fragt der Ober ungeduldig.
„Der Zahn!“
„Wie bitte?“
„Der Zahn!“
„Haben Sie Zahnschmerzen?“
„Herrgott noch eins, in meiner Suppe liegt ein Zahn!“, ruft Wöhrtlich laut durch das Lokal.
Der Ober zuckt zusammen, ignoriert aber die Köpfe, die sich zu ihnen herumdrehen. Leise sagt er: „Sie meinen, in Ihrer Suppe befände sich ein Zahn?“
„Aber ja, genau das meine ich.“
„Und wo ist Ihr Zahn?“
„In meinem Mund.“
„Aber dann ist doch alles bestens.“
„Es geht hier nicht um meinen Zahn, sondern um den Suppenzahn.“
„Ich habe noch nie etwas von einem Suppenzahn gehört.“
„Wie würden Sie denn einen Zahn nennen, der in einer Suppe liegt?“
„Ja aber was macht denn Ihr Zahn in der Suppe? Soll ich einen Zahnarzt rufen?“
„Es ist nicht mein Zahn, der da in der Suppe liegt.“
„Und wem gehört er nun, dieser … Zahn?“
„Woher soll ich das wissen? Ich will nur in Ruhe meine Suppe essen.“
„Ja dann essen Sie sie doch!“
„Erst wenn der Zahn entfernt wurde.“
„Ich rufe Ihnen jetzt einen Zahnarzt!“
„Ich brauche keinen Zahnarzt, sondern diesen Zahn.“
„Dieser Zahn ist mal da und dann wieder nicht. Sie müssen sich schon entscheiden.“
„Ja suchen Sie ihn doch selbst.“ Wöhrtlich drückt dem Ober den Löffel in die Hand.
Mit abgespreiztem kleinen Finger rührt der Ober in der Suppe herum. Sichtlich widerwillig schiebt er das Gemüse beiseite. „Ich kann hier nichts sehen, was nicht hinein gehört.“
„Er war aber da, das schwöre ich.“
„Vielleicht haben Sie ihn aus Versehen verschluckt?“
„O mein Gott, o mein Gott.“ Wöhrtlich steht auf und drückt beide Hände auf seinen Bauch. Der Ober stellt sich Blicke schützend vor den Gast und legt seine Arme auf Wöhrtlichs Schultern. „O mein Gott!“, ruft Wöhrtlich noch einmal.
Die Tischnachbarin, eine Rothaarige, schüttelt ihren Kopf und sagt zu ihrer Freundin: „Also so was. Hast du das mitbekommen?“
Die Freundin nickt. „Dass die das so in aller Öffentlichkeit …“
„Ein Skandal ist das!“
„Ich hab‘ ihn!“, ruft Wöhrtlich.
Alle Köpfe drehen sich zum Tisch 12.
„Sehen Sie nur, da liegt er ja.“ Wöhrtlich hebt den Löffel triumphierend hoch.
„Ja aber, aber wie …“, stottert der Ober.
Wöhrtlich hält den Löffel als wäre er ein rohes Ei und geht langsam von Tisch zu Tisch, gefolgt von dem Ober.
„Sehen Sie nur, ich hatte doch Recht. Sehen Sie den Zahn?“
„Hören Sie auf damit!“, sagt der Ober an Wöhrtlichs Ohr.
„Womit soll ich aufhören?“
„Sie können hier nicht die Gäste mit einem Zahn belästigen! Kommen Sie mit in die Küche.“ Der Ober schiebt Wöhrtlich voran.
„Was gibt es denn da?“
„Sie dürfen sich dort alles aussuchen, was Sie wollen! Nur um Gottes Willen, kommen Sie rasch.“
„Hast du das gehört?“, empört sich die Rothaarige.
„Wie er den angefasst hat, so richtig … schwul“, antwortet die Freundin.

Als Herr Wöhrtlich für einen Moment in der Küche allein ist, nimmt er sein Handy und wählt eine Nummer.
„Dentallabor Mankiwiecz, Müller am Apparat.“
„Guten Tag Fräulein Müller, hier Wöhrtlich.“
„Ach der Herr Wöhrtlich, soll ich Sie zu Ihrem Freund durchstellen?“
„Nein nein, danke. Richten Sie ihm nur aus: morgen früh hole ich den Goldzahn ab.“
„Herr Wöhrtlich, was machen Sie nur mit diesen ganzen Zähnen, Ihre eigenen sind doch völlig in Ordnung?“
„Nun ja, Fräulein Müller, ich gehe nur mit ihnen essen!“

© Alessandra Mancinelli 14.03.2005

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