Max spät

Max späht durch das Schlüsselloch. Er sieht Füße und weiß nicht, wem sie gehören. Stöhnen und Keuchen dringen durch die Tür, Max hält den Atem an, um besser hören zu können. Eine Stimme kommt ihm bekannt vor, die andere ist dunkler, darüber ärgert er sich, mehr als über das Glas, das neben seinem Bett auf ihn wartet.
Seine Hand hat auf dem Türrahmen einen Schmierfleck hinterlassen, darauf muss er starren und fragt sich, an was ihn der Fleck erinnert.

Wenig später presst er seine Beine zusammen und öffnet die Tür, leise, gerade einen Spalt breit. Ein nackter Mann liegt auf einer nackten Frau, seltsam verschlungen. Max weiß nicht, welches Bein zu wem gehört. Aus dem Raum kommt ihm ein warmer Geruch entgegen, der ihn nicht atmen lässt. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn er das Glas mit der Medizin ausgetrunken hätte, wie immer am Abend. Max ist unschlüssig, er weiß, dass er bestraft wird, doch dann beißt er sich trotzig auf die Zunge und starrt wieder auf die glänzenden Körper. Brust, Beine, Arme, Bauch, Hände, Po. Alles scheint sich zu bewegen. Die Frau sitzt nun auf dem Mann, ihre Brüste hüpfen. Max denkt, sie wären wie kleine Hände, die ihm zuwinken. Eine Hand scheint die andere überholen zu wollen, er wettet auf die linke. Wenn sie siegt, dann geht er freiwillig auf die Toilette, wenn sie verliert, wird er, wird er eben etwas machen.
Max blickt auf den Teppich und findet Schuhe. Zwei kleine weiße und zwei große weiße. Wenn er verliert, wird er in die großen Pipi machen, nimmt er sich vor. Wieder hat sich etwas verändert, ein neues Geräusch, wenn die Pobacken der Frau auf dem Mann landen. Max freut sich über das Geräusch, er will Beifall klatschen, kann sich aber gerade noch bremsen und presst seine Beine zusammen, dass es schon weh tut. Der Mann fasst an die hüpfenden Brüste und knetet sie wie Teig. Max muss an eine Zeit denken, in der Kerzen brennen und leckt sich über die Lippen. Speichel rinnt aus seinem Mund und tropft auf seinen nackten Fuß. Er bemerkt es nicht, sein Blick ist verloren, auch das Stöhnen und Keuchen geht an ihm vorbei. Wie durch ein Fernrohr sieht er die beiden Menschen, die inzwischen eine verkehrte Figur abgeben. Die Frau liegt auf dem Rücken, ihre Brüste hüpfen nicht mehr, der Kopf des Mannes liegt zwischen ihren Beinen und sie hat etwas von dem Mann im Mund. Max presst und presst seine Beine zusammen, er legt sogar die Hände auf sein Glied, doch zu spät. Er spürt, wie ihm das Wasser zwischen den Fingern rinnt, an seinen Beinen herunter läuft und leider nicht die großen Schuhe trifft. Max steht in seiner warmen Pfütze und jault wie ein Hund. Die Nackten sitzen aufrecht im Bett und starren ihn an. Er rennt vor den bösen Blicken weg, in einen verbotenen Raum, dessen Tür offen steht, zieht eine Schublade auf und nimmt ein Messer an sich. Die Frau ruft seinen Namen, der Mann sagt böse Wörter.
Max presst das Messer an sich wie eine Puppe und schließt sich im Zimmer ein.
Wenig später hört er wie eine Tür zugeworfen wird. Ihm ist kalt, er zieht seine nasse Hose aus und schneidet mit dem Messer das Nasse aus dem Stoff. Weg. Glücklich schließt er die Tür auf und freut sich auf sein Bett. Mit dem Messer in der Hand trippelt er in sein Zimmer. Auf seinem Bett sitzt die Frau, sie trägt einen Bademantel, den sie vorne nicht geschlossen hat. Max sieht ihre Brüste und wünscht sich, sie würden wieder hüpfen.

Max, sagt die Frau leise, Max, das war sehr, sehr ungezogen von dir.
Max weiß nicht was sie meint, ist aber traurig, dass die Frau böse auf ihn ist. Er lässt das Messer auf das Bett fallen, wirft sich in ihre Arme und lässt sich vom Herzschlag trösten. Hier strömt ihm ein Duft in die Nase, er erinnert ihn an warme Milch. Auch etwas Fremdes ist dabei, süßlich und verwirrend. Er will den Duft schmecken, er will wissen, ob er so süß wie Honig ist und leckt an einer Brust. Die Frau schubst ihn weg und schreit ihn an. Wieder geht er zu ihr und will an einer Brust lecken. Die Frau nimmt das Messer und zielt auf ihn. Max muss lachen und schlägt ihr das Messer aus der Hand, das ist ein schönes Spiel. Er lacht so laut er kann und damit ihm die Brüste nicht weglaufen, hält er sie fest. Max ist stark. Zu stark für die Frau. Er kann sie auf den Rücken legen und ihre Arme festhalten. Für einen Moment hüpften ihre Brüste, aber nicht so wie vorhin. Max legt sich auf den Körper, seine Nase zwischen den Brüsten und riecht und riecht. Er schnüffelt sich einen Weg zum Bauch und der Duft wird intensiver. Max lässt die Frau los, bleibt aber auf ihr sitzen und klatscht in die Hände, er hat es richtig gemacht. Aber die Frau freut sich nicht mit ihm, sie schlägt nach ihm und schreit. Sie verdirbt ihm das Spiel, dabei hat er die Quelle noch nicht gefunden. Er knurrt wie ein Wolf und fletscht die Zähne, Sabber läuft aus seinen Mundwinkeln und sammelt sich auf dem Bauch der Frau. Fasziniert verschmiert er das Nasse mit den Fingern, doch plötzlich spürt er einen Ruck im Rücken. Seine Augen weiten sich, er steht auf und sieht den Mann mit den weißen Schuhen. Der Böse trägt das Messer. Max weint. Und als der Mann wieder und wieder zustößt, sieht er wie die Anderen mit weißen Schuhen das Zimmer betreten, bevor ihm schwarz vor Augen wird.

© Alessandra Mancinelli 30.06.2005

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