Nachbarschaftsfreuden

„Herr ähm … wie schön, dass wir uns endlich mal kennen lernen. Kommen Sie doch rein.“ Wöhrtlichs neue Nachbarin zieht ihn in die wohl aufgeräumte Diele.
„Frau Niederkranz-Schmidt“, sagt Wöhrtlich und steht nun stocksteif vor ihr, „es ist mir eine Freude Sie …“
Die beleibte Frau unterbricht ihn: „Nein, nein, die Freude liegt ganz auf meiner Seite.“
Wöhrtlich hält ihr einen Strauß gelber Nelken vor die Nase und verbeugt sich.
„Oh, Herr HATSCHI das wäre aber nicht nötig gewesen. Wie aufmerksam von Ihnen.“
„Gesundheit! Wöhrtlich!“
Die Frau redet weiter: „Es ist ja heutzutage so wichtig, eine gute Nachbarschaft zu pflegen. Finden Sie nicht auch Herr … ähm?“
„Wöhrtlich! Gute Nachbarschaft ist so wichtig wie … das habe ich vergessen.“
Die Frau nickt. „Herr Wöhrtlich, gehen Sie doch so lange in unsere gute Stube, da können Sie sich auch gleich mit dem anderen neuen Nachbarn, der vom unterm Dachboden bekannt machen.“ Die Frau zieht ihn in das Wohnzimmer. „Ich muss eben was in der Küche nachschauen.“

Ein breitschultriger Mann sitzt streng guckend auf einem beigebraunen Sofa. „Strunz!“, ruft er dem Hereinkommenden zu.
„Wie bitte?“
„Strunz mit ST statt mit G.“
„Ach so“, Wöhrtlich tupft sich die Stirn mit einem Taschentuch ab, „Wöhrtlich.“
„Nein, nicht wörtlich, mit ST“, ereifert sich Strunz.
„Nein, nein, Wöhrtlich mit H nach dem Ö.“
Sichtlich verärgert steht Strunz auf. „S! T!“
Wöhrtlich verschränkt trotzig seine Arme vor der Brust: „H! H! H!“
„Sie! Sie machen sich lustig!“ Strunz steht breitbeinig und bedrohlich vor Wöhrtlich.
„Nur Wöhrtlich!“
Strunz‘ Gesicht wird rot, dann japst er wütend nach Luft. „Sie haben ja einen Knall!“
„Und Sie grunzen!“
„Ich vergesse mich gleich!“ Strunz lässt die Fäuste vor Wöhrtlichs Nase kreisen.
„Und ich habe Sie schon vergessen!“ Wöhrtlich eilt aus der guten Stube und steht wieder in der wohl aufgeräumten Diele.
Frau Niederkranz-Schmidt kommt aus der Küche und lächelt Wöhrtlich an: „Meine Tochter und ich machen gerade Torte. Donauwellen.“
„Ist schon Recht“, sagt Wöhrtlich und guckt sich in der Diele um. Neben der Garderobe hängt ein Marienbild, darauf bleibt Wöhrtlichs Blick haften.
„Nach dem Rezept meiner Großmutter“, plappert die Frau weiter, „Gott sei ihrer armen Seele gnädig. Wenn Fips und Mops damals nicht …“
„Sind Sie katholisch?“, fragt Wöhrtlich gedankenverloren.
„Nein, Cocker-Spaniel. Also man hätte sie erst Tage später gefunden und das mitten im Sommer! Gott, sie fiel einfach um!“
„Das ist in diesem Hause aber nicht erlaubt!“ entrüstet sich Wöhrtlich.
„Und dann haben die Hunde gebellt und gejault, so treu waren sie.“
„Das ist hier undenkbar, weil ja der Hausmeister allergisch ist.“
„Soll ich es mal vormachen? Fast menschlich waren ihre Klagelaute.“ Frau Niederkranz-Schmidt faltet ergriffen die Hände zusammen und öffnet ihren Mund.
„Das sollten sie besser nicht tun, da der Schröder …“ Wöhrtlich wiegt seinen Kopf hin und her.
„Uuuuuuh, ooohhuuuu …“
„Frau Niederknie-Schmitz, Sie sollten wirklich damit aufhören, das kann böse enden.“
„Uuuuuuh, ooohhuuuu … uuuuuuh, ooohhuuuu …“
„Gute Frau, Sie wissen ja nicht, was Sie da tun!“
„Uuuuuuh, ooohhuuuu … uuuuuuh, ooohhuuuu …“ Die Frau jault sich gerade warm und trifft nun die richtige Tonlage.

„Was ist denn hier los?“ Strunz steht auf einmal in der Diele, zeitgleich klopft es an der Wohnungstür. Wöhrtlich bringt Abstand zwischen sich und Strunz, indem er die Tür öffnet. Hausmeister Schröder steht mit hochrotem Kopf vor ihm. „Hunde! Sie haben hier Hunde in der Wohnung! Das ist absolut verboten!“
„Ja, ja“, pflichtet ihm Wöhrtlich bei, „das habe ich der Frau Niederjaul-Fips auch schon gesagt.“
„Es ging nur um Großmutters Fipschen und Möpschen!“, verteidigt sich die Frau.
„Auch die dürfen nicht hier sein!“ ruft Hausmeister Schröder.
„Strunz!“, stellt sich der Nachbar vor.
„Aber Fips und Mops sind doch gar nicht …“, sagt Frau Niederkranz-Schmidt hilflos.
„Die sind sogar katholisch“, ruft Wöhrtlich dazwischen.
„Aber wen interessiert das denn“, sagt der Hausmeister kopfschüttelnd.
„Strunz! Mit ST statt mit G!“
„Die müssen weg! Da kenne ich kein Pardon!“ sagt Schröder aufgebracht.
„Nein, das ST war da schon immer drin. Unerhört sowas!“ Strunz‘ Gesicht wird auch rot vor Wut.
„Ich muss Ihnen leider die Wohnung kündigen, Frau Niederkranz-Schmidt. Das geht nun wirklich zu weit! Das steht ausdrücklich im Mietvertrag, dass …“
„Aber sie haben doch nur gejault, weil meine Großmutter verschieden ist!“, empört sich die Niederkranz-Schmidt.
„Und der Strunz-Grunz wohnt oben unterm Dach“, klärt Wöhrtlich weiter auf.
„Tut mir Leid, aber die Leiche und die Hunde müssen sofort entfernt werden“, sagt der Hausmeister.
„Nur Strunz, mit ST ohne G!“, brüllt Strunz und nähert sich Wöhrtlich.
„Aber Fips und Mops sind doch auch schon längst tot!“ ruft die Niederkranz-Schmidt und bricht schluchzend in Tränen aus.
Wöhrtlich stellt sich vor den Hausmeister und grunzt melodisch.
Strunz holt mit der Rechten aus, Wöhrtlich sieht sie kommen und duckt sich, Strunz‘ Faust landet auf Schröders Nase. Der jault nun mit der Niederkranz-Schmidt im Duett.
„Jetzt fällt es mir wieder ein. Gute Nachbarschaft ist so wichtig wie das Amen in der Kirche“, sagt Wöhrtlich beim rausgehen.

© Alessandra Mancinelli 27.07.2006

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