Im Auge

Still Schwarzer springe!
Verliebtes Wesen Du, wozu die Bäume jetzt verlachen?
Deine Zunge leckt an den Blättern vor Neid,
der Herbst stirbt bunt und ewiger Glaube
vergiftet die Seelen.

Du tanzt darin hölzerne Eisdecken
auf die Geliebte, springe, springe und sie
eine wahnsinnige Stunde lang
gegen Wolken geflüstert und aus ihnen
fielen Maschinen, rötliche Pressen,
pumpen, pumpen, bis ein Schlaf geformt.

Still.
Wirst Du nun Dein Ohr in meine Hand legen?
Steht noch die Tür, hinter der eine Allee
von flammenden Worten geht?
Tanze dorthin, denn Küsse mit Raureif
verheißen den Vulkan.

© Alessandra Mancinelli 19.09.2011

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Jolantes Baum

Der Herbst trennte ihn von seinen Freunden. Niemand von ihnen ging zum Begräbnis des Alten, auch Frederik nicht, weil ihm ein Abschied zwischen fliegenden Blättern und heuchelnden Trauergästen nicht lag. Er trauerte auf seine Weise, indem er mit Bella, der Hure, einen Darjeeling-Abend verbrachte.
Sie, mit blankem Busen, saß kichernd auf Frederiks Knie, ihm den Rücken zugewandt, in der rechten Hand eine zerbrechliche Tasse, die sie mit abgespreizten Fingern hielt. Ab und zu am Tee nippend, erinnerte Frederik sie mahnend, den Rücken gerade zu halten, damit er ihren Oberkörper mit Mullbinden umwickeln konnte. Ob der Alte wohl wirklich sie vor Augen hatte, ehe er starb, fragte sie Frederik, der sofort lächelnd nickte. Wer würde das nicht.
Der Höhepunkt des Abends war der Moment, in dem er die Scherenspitze über ihren Bauchnabel ansetzte und sich nach oben durch den Verband schnitt. Frederiks Nasenspitze berührte irritiert die unversehrte Haut, die wie zu Unrecht nach den Mullfasern roch, doch seine Lippen und seine Zunge schienen wie losgelöst einen eigenen Weg zu gehen, bis das Schrillen des Telefons sie zurückführte.

Eine Frau die sich verwählt hatte und ihren Cousin Leon sprechen wollte. Und wie ihr verlegenes Lachen in Frederiks Ohren klang; leise, zerbrechlich, als wären ihre Stimmbänder aus Silberfäden. Frederik wäre nicht Frederik gewesen, wenn er diese Stimme einfach losgelassen hätte und sie drang wie ein kleines Tier in ihn ein, das durch seine Ohrmuschel den Weg zu seiner Tiefe fand, sich dort wie in einer gemütlichen Höhle einrollte und schlief und dabei wuchs. Jeden Abend um die gleiche Uhrzeit weckte er es und wunderte sich über die Anwesenheit seines Lebens.

Am ersten Advent drängte er sie zu einem Treffen und erfuhr zum ersten Mal, wo Jolante wohnte. Dann würde er eben dort seinen Jahresurlaub verbringen, wie selbstverständlich würden sie gemeinsam Weihnachten und Silvester feiern. Sie einigten sich auf den 20. Dezember.

***

Vom ersten Moment an als er aus dem Zug stieg, ergriff ihn eine unsichtbare Hand und führte ihn aus seinem bisherigen Leben hinaus. Jeder Schritt den er ging, fühlte sich nicht nur gut an, er war richtig. Die Luft hier war richtig, die Wolken hier waren richtig, dass er hier unter ihnen atmete, war richtig. Die Hand führte ihn über Feldwege, über Wiesen, über kleine Brücken, und nirgendwo traf er auf Menschen, als hätte auch hier der Herbst jeden von ihm weggeweht. Bis er bei Einbruch der Dämmerung vor einem dichten Wald stehen blieb. Warum er ihn erst jetzt sah, verwunderte ihn nicht, es war richtig so, wie und wo er war, und er ahnte, dass er Jolante schon ganz nahe gekommen war. Seine Füße trugen ihn in den Wald hinein, als sollte er sich hier erst reinatmen, ehe er auf Jolante traf. Sämtliche Arme des Waldes zogen nun die Nacht herein, es wurde dunkel um Frederik und er setzte sich mit dem Rücken an einen Baum. Die letzten Wochen zogen vor seinen Augen vorbei und aus seinem Gedächtnis hinaus, bis er gefüllt war mit Jolantes Stimme, die er körperlich fühlte. Sie lag neben ihm, den Kopf auf ihren Arm gestützt, der andere lag auf seiner Schulter. Für einen Moment waren sie verwachsen, starr wie eine Statue. Auch das war richtig so.

Am nächsten Morgen tastete seine Hand nach Jolante, bis er begriff, dass neben ihm nur feuchtes Laub und Moos lag. An seinem Handrücken klebte ein Eichenblatt, das er an seiner Hose abwischte. Nicht mehr lange, dann würde er sie endlich sehen. Er stand auf, öffnete den Reißverschluss seiner Hose, um sich am Baum zu erleichtern und nahm nun erst die gewaltige Eiche wahr, bei der er geschlafen hatte. Ihren Stammdurchmesser schätzte er auf über zwei Meter, sie besaß noch fast alle ihre Blätter, als würde allein ihre Höhe jedweden Wind imponieren. Die Rillen in der Rinde ergaben ein Muster, erinnerten ihn an den Panzer einer Galapagos-Schildkröte, die bröcklige Borke an die Zerbrechlichkeit des Alters. Fasziniert konnte er seinen Blick nicht abwenden und stellte sich ganz nah an die Eiche heran, sein Bauch drückte sich an ihren Bauch, seine Finger tasteten vorsichtig in die Adern, seine Nase sog ihren Geruch auf und wie er sein Ohr an sie presste, durchfuhr ihn ein Kopfschmerz, der ihn lähmte und seine Augen schloss. Keuchend ging sein Atem, in Krämpfen zuckte sein Gehirn, als wollte es etwas aus sich heraus drücken und er spürte wie Stromschläge, wenn sich dieses Etwas zusammenringelte und wieder lang machte. Er wollte die Schmerzen wegtreten, schlug immer wieder seine Beine und den linken Arm in den Stamm, während sich der rechte weiterhin in die Adern grub.

***

„Und sieh mal, als wäre das dort ein Kopf.“
„Es sieht so aus, als würde ein Mann …“
„Was?“
„Nun ja, irgendwie wie eine … Umarmung.“

© Alessandra Mancinelli 06.12.2004