Der dumme August

Die Scheinwerfer verfolgten die Bewegungen des Clowns. Sein Auftritt neigte sich dem Ende zu. Er verbeugte sich übertrieben tief, verlor sein Gleichgewicht, stolperte einen großen Schritt nach vorn und fiel auf seine rote Plastiknase. Jetzt, dachte er. Jetzt werden sie doch noch lachen. Er riss sich das rote Ding ab, warf es in die Menge und jammerte theatralisch: „Meine Nase? Wo ist meine Nase?“ Doch niemand lachte, niemand hatte seine rote Nase aufgefangen.
Es ist nicht mehr so wie früher, dachte er wehmütig, während er sich wieder aufrappelte. Seit über zwanzig Jahren war sein Gesicht ein bisschen weiß, ein bisschen schwarz und ein bisschen rot. Nein, es ist nicht mehr wie früher. Er verließ die Manege mit gesenktem Blick. Einige Händepaare klatschten brav, er drehte sich um. Einmal noch hob er erwartungsvoll sein Gesicht und schaute hinein in die Menge. Doch seine Augen suchten umsonst strahlende Blicke. Fanden keine lachenden Münder und so trottete er zum Artistenausgang. In der Manege lief das Programm weiter. Bildschöne Orlow-Pferde in stilvoller Aufmachung wurden hereingeführt, dann fiel der Vorhang hinter ihm zu.
„He August! Kommste nachher zu uns in den Wagen? Elli hat Erbsensuppe gemacht!“ fragte ihn Karl, einer der Teufelsreiter, der an ihm vorbeihetzte.
„Lass man Karl. Ich bin müde und lege mich gleich hin.“
„Nimm es dir nicht so zu Herzen, August“, rief ihm Karl noch hinterher, bevor auch er hinter dem Vorhang verschwand.

‚Der dumme August‘ – das Schild über seiner Wohnwagentür war verblasst. Die Farben sind mit der Zeit abgeblättert, nur mit Mühe konnte man man gerade noch „D– dumme Augu-t“ entziffern.
Er öffnete die Tür, knipste das Licht an und setzte sich vor seinen Schminktisch. Im Spiegel sah er einen müden August. Nein, ich bin ein dummer August, schimpfte er mit sich selbst. Er öffnete die Schnapsflasche die auf dem Tisch stand. Gut, dachte er, sie ist noch dreiviertel voll. Er setzte sie an seinen roten Mund und nahm gierig ein paar tiefe Schlucke. Wärme breitete sich in seinem Körper aus, er schaute die Flasche wie einen langjährigen Freund an. Der Flaschenhals war von seinem Mund rotgefärbt und der Inhalt sein Leben. Er trank die Flasche leer. Seine Augen ruhten dabei fragend auf seinem Mund. Er versuchte zu lächeln, doch es ging nicht. Mit Hilfe seiner Zeigefinger zog er seine Lippen nach oben. So ist Lachen dachte er, aber er wusste – es war nur eine Grimasse. Wütend schlug er mit der Faust auf den Tisch, die leere Flasche kippte zur Seite, rollte über den Tischrand und fiel klirrend zu Boden. Die Scherben ignorierend langte er nach einer zweiten Schnapsflasche.
Ein zaghaftes Klopfen an der Türe.
„Ja? Wer ist da?“, fragte er.
„Ich bin´s, die Marie. Ich habe das hier gefunden“, sagte ein kleines Mädchen.
Sie stieg in seinen Wagen und hielt seine Plastiknase in ihrer vorgestreckten Hand.
„Die gehört dir doch, oder?“, fragte sie ihn und sah sich neugierig um.
„Ja“, brummte er, „danke schön. Leg sie einfach da hin, ja?“
Das Mädchen kam näher. „Du, hier liegen ja Scherben herum.“
Sie hob eine großzackige Scherbe auf und legte sie vor ihm auf den Tisch.
„Das weiß ich Kind.“
„Wenn du barfuß läufst ist das aber gefährlich.“
„Ich laufe aber nicht barfuß.“
„Meine Mama sagt immer, Scherben bringen Glück. Stimmt das?“
„Diese hier nicht und nun geh wieder zu deiner Mama.“
„Hab keine Lust, ich war nur wegen den Pferden hier. Das andere ist langweilig.“
„Findest du Clowns auch langweilig?“
„Ja, die sind doch nicht lustig. Tom und Jerry im Fernsehen – das ist lustig.“
Der dumme August sah sie an. Tom und Jerry, sagte er laut und versuchte sich zu erinnern. „Hm, mein Kind. Du findest es also lustig wenn die sich die Köpfe einschlagen?“
„Ja, das ist doch Klasse. Oh…darf ich mal deine Schminktöpfchen ansehen?“
Sie schaute erwartungsvoll auf die vielen kleinen bunten Tiegel.
„Ja, mach ruhig“, murmelte er und öffnete die Schnapsflasche, nahm wieder ein paar tiefe Schlucke. Das Mädchen tauchte ihre Finger in die schwarze Farbe und malte ihr Gesicht an.
„Wo ist das Rot?“ Sie hielt ihm einen leeren Tiegel hin.
„Rot gibt es nicht mehr. Rot ist für den Mund.“
„Weiß ich doch. Ich will meine Lippen rot anmalen.“
„Rot ist für das Lachen und das gibt es nicht mehr.“
Verwirrt sah sie ihn an. „Doch, es gibt doch Vieles was lustig ist.“
„Ja? Findest du mich denn auch lustig?“ Er sah sie ernst an, schnitt dann ein paar Grimassen und wartete auf ihr Lächeln. Doch es kam keines. Er nahm noch einen Schluck aus der Flasche und verzog sein Gesicht. Ihr Mund blieb unbewegt und je länger er darauf starrte umso größer kam er ihm vor. Ein lebloser Riesenmund. Nur ein Strich, weiter nichts. Kein Mundwinkel der sich nach oben verzog.
„Komm mal her!“, befahl er.
Als sie vor ihm stand, drangen seine Zeigefinger in ihren Mund hinein und zogen die Lippen weit auseinander. Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an, doch sie war zu überrascht um sich zu rühren. Er zog ihre Lippen weiter auseinander, die Mundwinkel rissen ein und aus ihrer Kehle drangen Schmerzenslaute.
„Nur ein Lächeln“, murmelte er, „nur ein Lächeln, komm schon! Wo ist das rote Lächeln?“
Die Finger glitten aus ihren Lippen.
Dann nahm er die großzackige Scherbe und benutzte sie wie einen Lippenstift.
Er malte einen großen lachenden Mund in ihr Gesicht.

© Alessandra Mancinelli 11.12.2001

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