Der Vergessene

Aus dem Berg tritt Lenzo mit verlorenen Haaren,
schwacher Brust und blinden Augen aus.

Seine Furcht ist ein herrenloser hungriger Hund,
nur Kinder würden ihr flechtenreiches Kleid streicheln.
In den Maiglöckchen lassen seine knorrigen
nackten Füße Wunden fallen, die alle Blüten
in federlose Schwäne wandeln.

Im See singt der letzte Fisch seine Zunge weg,
die einst die Leere stillte. „Ob er noch ein Mädchen
zum heiraten finden wird“, fragt er den Grafen.
Der zeigt seine Pracht, mit üppigen Fingern
auf den Berg, der umdreht und sich selbst umarmt.
Eine Tanne kniet vor ihm, sucht ihr Herz
in der klaffenden Erde, in die nun auch Lenzo weiter welkt.

© Alessandra Mancinelli 11.09.2013

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Wolkengräber

Da fangen die Geigen wieder von vorne an,
tönen mein Fleisch zart.
Dort sinkt die Haut auf ein Fohlen,
das unseren gewagten Blick auf Noten setzt.

In Wellen fliegen Vögel durch meinen Kopf,
aus dem Beine wie Wasser fallen.
Himmel, er ist ja selbst begraben
in einem Meer von Ameisen,
die ein Tödchen durch mein Blut tragen.
Sie werden im Augenblick zu Schmetterlingen,
die meine Ferse streifen.

Dort an der Sehne träumen all die
gezählten Schafe von Häfen die aus Federn wachsen,
wo die Trauerweiden wie Tauben gurren
und der Hunger die Welt leid ist.

© Alessandra Mancinelli 10.09.2013

Die weiten Glocken

Hörst du den Glockenvogel,
er ist noch weit,
weit weg im Lomitosland.

Auf einer wartenden Hängematte
sitzt rotköpfig Herr Cardenal,
auch ihm gefällt der Klang
um zwölf –
würde ich dich lesen und lächeln so wie jetzt
und mit dem Regen tanzend
an geschmückte Weiden denken,
die ein ganzes Haus verschlucken können.

Hörst du den Glockenvogel,
mir klingt er nach Hitze, viel näher als im Januar,
der mich ertrunken macht.

© Alessandra Mancinelli 25.01.2002

Durch meine Träume

Durch meine Träume taumeln Schritte
aus dem Schatten deiner Kälte.
Das war der Grund auf dem
ich dich durch die Winkel hasste.

Das Gefühl lernt gerade laufen –
über die scharfen Splitter meiner Geduld
und über wankeligen Mut schimmert dein
Schatten rot wie mein Mund, er lügt nicht,
er trägt deinen Traum rückwärts.

Taumelnder, wohin träumst du?

© Alessandra Mancinelli 16.04.2002